Vierzehnjährige zu Besuch bei einem AFD-Bundestagsabgeordneten
Die Sächsische Zeitung (saechsische.de) berichtet am 20. April 2026 darüber, dass der Bautzener AFD-Bundestagsabgeordnete Hilse Ende März 2026 eine neunte Klasse aus seinem Wahlkreis nach Berlin und in den Bundestag eingeladen hat. Dort entsteht ein Gruppenfoto der Kinder mit Hilse und AFD-Chefin Weidel.
Diese Gruppe wollte der Bundestagsabgeordnete auch bei uns im Haus zu einer Führung anmelden. Das lehnte unsere Gedenk- und Bildungsstätte ab, auch darüber berichtet die Sächsische Zeitung.
Dies ist unsere Kritik an der Einladung und der Reise:
Für uns ist dieser Besuch außerordentlich fragwürdig.
Das Wahlalter auf Bundesebene ist 18. Dass neunte Klassen, also 14jährige Kinder, von einer Partei in den Bundestag eingeladen werden und dort vollumfänglich und ausschließlich deren Inhalte vor Augen und in die Ohren bekommen, im beeindruckenden Setting des Reichstagsgebäudes, das ist genau das, was wir in der Bildung und Vermittlung “Überwältigung” nennen. Das ist nicht statthaft. Dass die beteiligten Lehrkräfte, das Bundespresseamt (welches Reisen aus dem Wahlkreis zu den MdB finanziert) und das sächsische Kultusministerium (wir fragten dort kritisch nach, als der Bundestagsabgeordnete die Gruppe zu einer Führung bei uns anmelden wollte) so ein Programm für 14jährige stattfinden lassen: Das ist uns als Bildungsstätte ein Rätsel.
Der Bundestags-Besucherdienst hat gute Schulprogramme für Kinder und Jugendliche, die das Neutralitätsgebot und das Überwältigungsverbot respektieren. Die MdB Hilse und Weidel tun das nicht.
Wir halten darüber hinaus den Besuch von 14jährigen bei einem AFD-Abgeordneten und zudem bei Alice Weidel für besonders fragwürdig.
AFD-Abgeordnete sprechen von den anderen Parteien als “Systemparteien”, als “Altparteien”, sie sprechen davon, dass sie die anderen MdB “jagen” wollen. Sie machen in ihrer Diktion deutlich, dass sie die politischen Mitbewerber*innen verachten. Ein Besuch von 14jährigen Kindern gerade bei AFD-Abgeordneten ist daher besonders fragwürdig: Die Abgeordneten haben ein fragwürdiges Verhältnis zur Demokratie. MdB Hilse kommt aus einem gesichert rechtsextremen AFD-Landesverband. Eine solche Einschätzung ist für Abgeordnete anderer Parteien, die sächsische Wahlkreise im Bundestag vertreten, nicht bekannt.
Aus unserer Sicht als Holocaust-Gedenkstätte scheint ein Besuch bei MdB Weidel zudem sehr problematisch, weil sie eine führende Stimme des Geschichtsrevisionismus und der Holocaustrelativierung der AFD ist. In unserer aktuellen Sonderausstellung thematisieren wir (auch) die Beziehungen von deutschen und US-amerikanischen Rechtsextremen: “Alice Weidel bezeichnete in einem Gespräch mit dem Tech-Milliardär Elon Musk Adolf Hitler als Kommunisten und leugnet damit den ideologischen Ursprung des Holocaust im völkischen Antisemitismus.”
Allen Lehrkräften für Geschichte und Politik, die Verantwortung für 14jährige tragen, raten wir von einem Besuch bei Alice Weidel dringend ab.
Dass die AFD im Nachgang ein Gruppenbild mit den 14jährigen Kindern für ihre Werbezwecke nutzt und in den sozialen Medien verbreitet, ist eine weitere Grenzüberschreitung.
Das von der AFD verbreitete Foto führt die Respektlosigkeit fort, die schon im Vorgang einer Einladung von Kindern in den Bundestag steckt. Respektlosigkeit vor den vorgeführten Kindern, Respektlosigkeit vor einem Überwältigungsverbot und einem Neutralitätsgebot. Die Respektlosigkeit erfolgt nicht aus Unkenntnis eines Beutelsbacher Konsens', in dem diese pädagogischen Grundsätze festgehalten sind, denn die AFD ist die lauteste Partei, wenn ein Neutralitätsgebot aus ihrer Sicht vermeintlich verletzt wurde. Die Respektlosigkeit erfolgt als bewusste Grenzüberschreitung, wie sie an so vielen Stellen Strategie der AFD ist.
Eike Stegen
Abteilung Kommunikation und Öffentlichkeit / Presse- und Öffentlichkeitsarbeit