Unfreiwilliges Erinnern.

Zur Bedeutung der Wannsee-Konferenz in Geschichte und Gegenwart

Eine Ausstellung der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz im Deutschen Bundestag (13. Januar bis 28. Januar 2022) und im Dokumentationszentrum Prora (23. März 2023 bis 13. Mai 2024)

Eine Gruppe von Kindern tanzt in einem Garten, während Erwachsene auf einem Balkon zuschauen. Die Kinder sind in sportlichen Kleidern gekleidet und bilden einen Kreis. Die Umgebung ist von Pflanzen vielfältig umgeben.
© GHWK
Schulkinder im Garten der Wannsee-Villa, undatiert (1953/53). Broschüre "Schullandheim Neukölln. Am Großen Wannsee 56/58. Hg. vom Bezirksamt Neukölln, Berlin 1953

Fünfzehn hochrangige Vertreter des NS-Regimes treffen sich am 20. Januar 1942 im Gästehaus der SS am Großen Wannsee, um miteinander die Planung, Organisation und Durchführung der “Endlösung der europäischen Judenfrage” zu besprechen. Fünfzig Jahre dauert es, bis 1992 an diesem historischen Ort eine Gedenk- und Bildungsstätte eröffnet wird.

“Du kannst dich bei den Deutschen tot dokumentieren”, schreibt Joseph Wulf, Historiker und Überlebender von Auschwitz, nachdem sich Anfang der 70er Jahre die von ihm unermüdlich verfolgte Idee zerschlägt, am Großen Wannsee ein internationales Dokumentationszentrum zu errichten. In der Villa befand sich zu diesem Zeitpunkt ein Schullandheim. Robert Kempner, stellvertretender US-Chefankläger der Prozesse gegen Vertreter der NS-Reichsministerien 1947-49, merkt 1967 kritisch an:

“Und hier, wo jeder Stein eine ermordete jüdische Familie symbolisiert, sollen Berliner Kinder zur Erholung bleiben? Mir scheint es eine psychologisch unmögliche Zumutung zu sein, Kinder in Heydrich-Eichmanns Konferenzzimmern essen oder schlafen zu lassen.”

Robert Kempner in einem Leserbrief, Die Welt, 17. November 1967

Reinhard Heydrich, als Leiter des Reichssicherheitshauptamtes einer der wichtigsten SS-Funktionäre, lädt zu der anderthalbstündigen Besprechung Vertreter der Polizei und der SS, der NSDAP, der Besatzungsbehörden und verschiedener Ministerien. Sein Mitarbeiter Adolf Eichmann verfasst das Protokoll. Es zeigt wie kein anderes Dokument, dass der systematische Mord an Millionen Menschen ein nüchtern geplantes Verbrechen ist, bürokratisch organisiert unter Einsatz des gesamten Verwaltungsapparates.

In der Nachkriegszeit wird die Bedeutung der Konferenz und des Ortes, wie die belastende NS-Vergangenheit überhaupt, wenn möglich ignoriert. Für Überlebende sowie Zeuginnen und Zeugen der NS-Verbrechen ist diese Haltung unmöglich. Historikerinnen und Historiker wie Rachel Auerbach und Joseph Wulf sammeln und veröffentlichen NS-Dokumente und begründen damit die historische Forschung zur Shoah.

So wie die später als Wannsee-Konferenz bekannt gewordene Besprechung sinnbildlich für die Beteiligung der gesamten staatlichen Verwaltung an einem beispiellosen Verbrechen steht, so spiegelt sich in der Auseinandersetzung um einen Dokumentations- und Gedenkort am Wannsee die verhaltene bis ablehnende Einstellung gegenüber den Überlebenden und ihren Erfahrungen mit der Shoah. Die Auseinandersetzung zeigt, dass es schon früh Initiativen gab, die sich anhaltend um das Erinnern bemühten und es schließlich erfolgreich erstritten.

Die Villa am Wannsee verkörpert unterschiedliche Perspektiven auf die Vergangenheit. Bis heute ist die Auseinandersetzung um Nationalsozialismus und Shoah nicht abgeschlossen. Achtzig Jahre nach der Besprechung widmet sich diese Ausstellung dem Ort und seiner Geschichte; eröffnet wurde sie im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages begleitend zum 27. Januar 2022, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Eröffnungsvideo zur Ausstellung anlässlich 80 Jahre Wannsee-Konferenz

Aufgrund der damals gültigen pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen wurde die Ausstellung am 12. Januar 2022 in virtueller Form eröffnet.

Das zu diesem Zweck aufgenommene Eröffnungsvideo gewährt Einblicke in die Ausstellung und zeigt Ausschnitte aus der Eröffnungsansprache von Bundestagspräsidentin Frau Bärbel Bas sowie dem Grußwort der Direktorin der GHWK, Deborah Hartmann. Die aufgezeichneten Redebeiträge sind im Folgenden in voller Länge dokumentiert.

Eröffnungsrede von Bärbel Bas, Bundestagspräsidentin

Auch heute noch ist laut Bundestagspräsidentin Bas „die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte eine bleibende Verpflichtung“, der sich jede Generation aufs Neue stellen müsse.

Gerade in Zeiten, wo die Vergangenheit „für Propaganda“ missbraucht werde und sich Impfgegner als „Juden von heute“ bezeichneten, sei es Teil der „staatsbürgerlichen Verantwortung“, solche Vergleiche entschieden zurückzuweisen, so Bas zu der Eröffnung.

Eröffnungsrede von Deborah Hartmann, Direktorin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

Dass eine solche Ausstellung in den Hallen des Bundestages stattfindet, sei etwas ganz Besonderes, sagte Deborah Hartmann in Ihrem Grußwort anlässlich der Ausstellungseröffnung. Lange blieb die Wannsee-Konferenz im kollektiven Gedächtnis der Deutschen nahezu unsichtbar. Zu groß schien der Konflikt, sich mit der Konferenz und ihren Konsequenzen auseinanderzusetzen.
Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, 12. Januar 2022
Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, 12. Januar 2022
Deborah Hartmann, Direktorin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, 12. Januar 2022
Deborah Hartmann, Direktorin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, 12. Januar 2022
Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, 12. Januar 2022
© DBT, photothek, Xander Heindl
Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, 12. Januar 2022
v.l.n.r.: Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, Deborah Hartmann, Direktorin, Matthias Haß, stv. Direktor der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz
© DBT, photothek, Xander Heindl
v.l.n.r.: Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, Deborah Hartmann, Direktorin, Matthias Haß, stv. Direktor der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz
Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, 12. Januar 2022
© DBT, photothek, Xander Heindl
Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, 12. Januar 2022
v.l.n.r.: Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, Matthias Haß, stv. Direktor, Deborah Hartmann, Direktorin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz
© DBT, photothek, Xander Heindl
v.l.n.r.: Bundestagspräsidentin Bärbel Bas, Matthias Haß, stv. Direktor, Deborah Hartmann, Direktorin der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz
In der Ausstellung im Paul-Löbe-Haus, 12. Januar 2022
© DBT, Arndt Oehmichen
In der Ausstellung im Paul-Löbe-Haus, 12. Januar 2022
In der Ausstellung im Paul-Löbe-Haus, 12. Januar 2022
© DBT, Arndt Oehmichen
In der Ausstellung im Paul-Löbe-Haus, 12. Januar 2022
In der Ausstellung im Paul-Löbe-Haus, 12. Januar 2022
© DBT, Arndt Oehmichen
In der Ausstellung im Paul-Löbe-Haus, 12. Januar 2022
In der Ausstellung im Paul-Löbe-Haus, 12. Januar 2022
© DBT, Arndt Oehmichen
In der Ausstellung im Paul-Löbe-Haus, 12. Januar 2022