Forschen

Die frühe Forschung ist bemüht, ein eigenes Bild des Holocaust zu zeichnen, das nicht von der Perspektive derjenigen geprägt ist, die die Verbrechen begangen haben. Sie will Beweismaterial für spätere juristische Verfahren sammeln und das Andenken an die zahllosen Toten und die vernichtete jüdische Kultur bewahren.

Drei Männer arbeiten gemeinsam an der Verlegung von Fliesen. Sie sind auf dem Boden vorgebeugt und konzentrieren sich auf ihre Aufgabe. Ein Mann verwendet ein Werkzeug, während die anderen aufmerksam zuschauen. Der Raum wirkt sachlich und geschäftig.
© The Ghetto Fighters’ House Museum, Israel / The Photo Archive
Joseph Wulf (Mitte) und zwei weitere Mitglieder der Jüdischen Historischen Kommission bei der Sichtung von Material aus dem geborgenen Oyneg Shabes-Archiv, Ort und Datum unbekannt.

Viele Betroffene beginnen schon während der Zeit der Verfolgung, das Geschehen zu dokumentieren, weil das Ausmaß der Gewalt alle Verbrechen in der Menschheitsgeschichte übertrifft. Einige Menschen in den Ghettos halten ihre Erlebnisse in Tagebüchern fest. Es bilden sich Gruppen, um die Verfolgungsmaßnahmen und das Leiden systematisch zu dokumentieren. Die Mitglieder arbeiten im Geheimen und unter schwierigen Bedingungen.


Nach der Befreiung schließen sich Überlebende in historischen Kommissionen zusammen, um ihre Dokumentationsarbeit fortzusetzen. Nicht allein das Ausmaß der Katastrophe stellt eine Herausforderung für sie dar. Auch die schlechte Quellenlage und der fortdauernde Antisemitismus in ihren Herkunftsländern behindern die Recherchen. Nicht zuletzt müssen sich die Forschenden ganz praktischen Problemen stellen: Worauf und womit sollen Erinnerungsberichte notiert werden, wenn es weder Papier noch Stifte gibt?

 

Zwei Männer stehen in einer Bibliothek mit zahlreichen Bücherregalen. Der Mann links hat eine Brille und hält mehrere Bücher, während der Mann rechts ein Buch aufschlägt und es betrachtet. Beide scheinen sich angeregt zu unterhalten.
© Ursula Böhme
Simon Wiesenthal zu Besuch bei Joseph Wulf im Juli 1974.

Die Kommissionen organisieren aber auch Expeditionen zu den ehemaligen Lagern und tragen Dokumente zusammen. Der Umfang der hierbei gewonnenen Erkenntnisse ist davon abhängig, wie erfolgreich die Täter ihre Akten vernichtet und ihre Spuren verwischt haben.

Eine Schwarzweißaufnahme zeigt fünf Personen, die an einem Tisch stehen und Papiere sowie Zeitungen durchsehen. Auf dem Tisch befinden sich auch zwei große, verschmutzte Behälter. Die Atmosphäre deutet auf eine ernsthafte Recherche oder Untersuchung hin.
© Yad Vashem Photo Archive, Jerusalem. 8839/1
Mitglieder der Jüdischen Historischen Kommission bei der Sichtung von gerade geborgenen Teilen des Oyneg Shabes-Archivs, Warschau, 1950.
Ein Mann und eine Frau stehen im Freien. Die Frau trägt einen Mantel und ein Tuch um den Hals. Der Mann, im Anzug, untersucht ein Objekt, das er in seinen Händen hält, während die Frau ihm interessiert zusieht. Beide haben lächelnde Gesichter.
© The Ghetto Fighters’ House Museum, Israel /The Photo Archive
Hersz Wasser (rechts) und Rachel Auerbach, zwei der drei überlebenden Mitglieder von Oyneg Shabes, bei der Bergung eines Teils des Ringelblum-Archivs, Warschau, 1946. Zuvor wird es in Milchkannen und Blechkisten im Ghetto vergraben, um es vor den Deutschen zu retten.

In vielen Nachkriegsprozessen haben jüdische Überlebende keine Stimme, sie werden nicht gehört. Außerhalb der jüdischen Gemeinschaften besteht kaum Interesse am Holocaust. Dies bestärkt die erste Generation der Holocaustforschung in ihren Anstrengungen: Sie wollen, dass die Perspektive der Opfer auch vor Gericht stärker berücksichtigt wird.


Jüdische Forscherinnen und Forscher sammeln noch während des Krieges eine Vielzahl an Quellen über den Holocaust. In historischen Kommissionen sichern sie auch nach 1945 Beweise und treiben die Aufklärung voran. Es entstehen Archive, Forschungsstellen, Publikationen und Zeitschriftenreihen. Auf diese Weise etablieren sie die Holocaustforschung langsam als akademische Disziplin. Die breiten Materialbestände bilden das Fundament für bedeutsame Institutionen, die der Erinnerung, Erforschung und Dokumentation des Völkermords gewidmet sind.

Eine stilisierte Darstellung eines Sockels mit Säule in der Mitte, umgeben von einem Kranz aus Dornen. Darüber sind strahlende Linien sichtbar. Der Text „WOJEWÓDZKA ŻYDOWSKA KOMISJA HISTORYCZNA W KRAKOWIE“ umrahmt das Bild.
© Wiener Library Collections
Logo der Jüdischen Historischen Kommission in Krakau.

In Polen wird die Tätigkeit der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission 1947 in das neu gegründete Jüdische Historische Institut in Warschau überführt. Das Untergrundarchiv Oyneg Shabes ist der zentrale Quellenbestand. Bis heute gilt das Institut als wichtigste Forschungseinrichtung zur jüdischen Geschichte in Polen.

Dokument mit dem Titel "Der Aufstand im Vernichtungslager Treblinka", verfasst von Stanisław Kohn. Es enthält Informationen über die schrecklichen Zustände im Lager und die Rebellion der Insassen im Jahr 1943, sowie eine Liste von gefallenen Gefangenen.
© Wiener Library Collections
Ein Augenzeugenbericht über den Holocaust, den Eva Reichmann in den 1950er-Jahren sammelt. Er beinhaltet eine Schilderung des Aufstands im Vernichtungslager Treblinka von 1943.

Auch in Israel entstehen neben Orten der Erinnerung Dokumentations- und Forschungsstellen: 1949 gründen Holocaustüberlebende – unter ihnen Kämpfende des Warschauer Ghettoaufstands – das Ghetto Fighters’ House. Es dokumentiert jüdisches Leben in Europa vor dem Holocaust sowie die antisemitische Verfolgung. Dabei bildet der jüdische Widerstand in Ghettos und Lagern einen Schwerpunkt. Die 1953 in Jerusalem gegründete staatliche Gedenkstätte Yad Vashem stellt die Erinnerung an Einzelschicksale in den Vordergrund. Ihr Archiv beherbergt heute die weltweit umfangreichste Quellensammlung zum Holocaust. Mit der Gründung der International School for Holocaust Studies existiert seit 1993 auch eine pädagogische Abteilung, die für Lehrkräfte aus aller Welt Fortbildungen anbietet und Unterrichtsmaterialien entwickelt.


In Amsterdam gründen Alfred Wiener und David Cohen bereits 1933, zunächst als Jewish Central Information Office, die Wiener Library. Dort werden Informationen über die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland gesammelt. 1939 werden die Bestände nach London verlegt und nach 1945 in eine Forschungseinrichtung mit öffentlicher Bibliothek umgewandelt. Die dortige Dokumentensammlung liefert wichtige Grundlagen für die Anklagen der Nürnberger Prozesse. Heute umfasst die Sammlung insgesamt über eine Millionen Artikel, Zeitungsausschnitte, Fotos und Zeugnisse Betroffener.