WEBVTT

1
00:00:12.579 --> 00:00:24.641
Am 20. Januar 1942 trafen sich in
dieser Villa am Großen Wannsee 15 Männer.

2
00:00:24.641 --> 00:00:33.717
Sie waren hochrangige Vertreter des
nationalsozialistischen Regimes aus NSDAP,

3
00:00:33.717 --> 00:00:39.956
Ministerien, der SS, Polizei und
der Besatzungsverwaltung.

4
00:00:39.956 --> 00:00:49.816
Eingeladen hatte Reinhard Heydrich,

5
00:00:49.816 --> 00:00:56.056
Chef der sogenannten Sicherheitspolizei und
des Sicherheitsdienstes der SS.

6
00:00:56.056 --> 00:01:02.362
Mit den Teilnehmern wollte er die sogenannte
„Endlösung der Judenfrage“ koordinieren.

7
00:01:02.362 --> 00:01:07.217
Gemeint war: die Ausdehnung der
systematischen Ermordung auf alle

8
00:01:07.217 --> 00:01:11.838
Jüdinnen und Juden in Europa.

9
00:01:12.155 --> 00:01:18.611
Denn die Massenmorde fanden in Osteuropa,
speziell den besetzten Teilen der

10
00:01:18.611 --> 00:01:21.264
Sowjetunion und in Polen bereits statt.

11
00:01:23.783 --> 00:01:27.887
Bei der Besprechung am Wannsee
ging es also nicht um

12
00:01:27.887 --> 00:01:33.760
eine Entscheidung zum Massenmord.

13
00:01:33.760 --> 00:01:39.249
Als Repräsentanten ihrer Institutionen
besprachen die Teilnehmer vielmehr,

14
00:01:39.249 --> 00:01:47.023
wer in Europa und sogar bis
nach Nordafrika und Nahost

15
00:01:47.023 --> 00:01:51.211
getötet werden sollte und wie die
Ermordung von Millionen Menschen

16
00:01:51.211 --> 00:01:55.665
effektiv durchzuführen sei.

17
00:01:58.351 --> 00:02:06.626
Unter den Teilnehmern war auch
Adolf Eichmann, der ein Protokoll anfertigte.

18
00:02:07.894 --> 00:02:11.598
Worüber bei der Besprechung
beraten wurde, wissen wir aus

19
00:02:11.598 --> 00:02:15.985
diesem 15-seitigen Ergebnisprotokoll.

20
00:02:17.120 --> 00:02:21.191
Im Wesentlichen wird im Protokoll
eine verschleiernde Sprache benutzt.

21
00:02:21.191 --> 00:02:27.614
So heißt es im Abschnitt zwei,
dass es das „Aufgabenziel“ gewesen sei,

22
00:02:27.614 --> 00:02:37.607
Zitat: „auf legale Weise den deutschen
Lebensraum von Juden zu säubern.“

23
00:02:37.607 --> 00:02:42.962
Damit wird angedeutet, dass es
nicht mehr bei den gewaltsamen

24
00:02:42.962 --> 00:02:48.134
Vertreibungen und Ausplünderungen bliebe.

25
00:02:48.134 --> 00:02:52.522
Es heißt, dass selbst die „Auswanderung“,

26
00:02:52.522 --> 00:02:57.243
– und so endet die Passage auf Seite fünf –
für Jüdinnen und Juden inzwischen verboten sei.

27
00:02:57.243 --> 00:03:00.213
Damit gab es kein Entkommen mehr.

28
00:03:02.732 --> 00:03:08.571
Was mit den Jüdinnen und Juden im
deutschen Machtbereich geschehen sollte,

29
00:03:08.571 --> 00:03:12.275
wird in Teil drei des Protokolls thematisiert.

30
00:03:12.275 --> 00:03:16.813
Auf Seite sieben unten behandelt
das Protokoll den Plan, die in

31
00:03:16.813 --> 00:03:22.135
„den Osten“ deportierten Jüdinnen und
Juden durch Zwangsarbeit

32
00:03:22.135 --> 00:03:24.988
nicht nur auszubeuten:

33
00:03:24.988 --> 00:03:34.881
„In großen Arbeitskolonnen, unter
Trennung der Geschlechter, werden die

34
00:03:34.881 --> 00:03:42.772
arbeitsfähigen Juden straßenbauend
in diese Gebiete geführt, wobei zweifellos

35
00:03:42.772 --> 00:03:50.346
ein Großteil durch natürliche
Verminderung ausfallen wird.“

36
00:03:52.599 --> 00:04:00.023
Anders ausgedrückt: Die Menschen sollten
durch Zwangsarbeit ermordet werden.

37
00:04:00.023 --> 00:04:08.665
Was mit denjenigen geschehen sollte,
die diese Tortur überlebten, ist dem Text

38
00:04:08.665 --> 00:04:13.319
auf Seite acht oben zu entnehmen:

39
00:04:13.319 --> 00:04:19.108
„Der allfällig endlich verbleibende
Restbestand wird, da es sich

40
00:04:19.108 --> 00:04:23.730
bei diesem zweifellos um den
widerstandsfähigsten Teil handelt,

41
00:04:23.730 --> 00:04:28.651
entsprechend behandelt 
werden müssen.“

42
00:04:29.686 --> 00:04:36.476
Das bedeutet, dass alle, die durch die 
Zwangsarbeit nicht getötet wurden,

43
00:04:36.476 --> 00:04:39.946
auf andere Weise ermordet werden sollten.

44
00:04:39.946 --> 00:04:48.621
Laut Protokolltext sollten sie
„entsprechend behandelt werden“.

45
00:04:48.621 --> 00:04:53.242
Eine ähnliche Formulierung,
die „Sonderbehandlung“, wurde

46
00:04:53.242 --> 00:04:57.930
in anderen Dokumenten der Täter
regelmäßig als Tarnbegriff für

47
00:04:57.930 --> 00:05:02.986
die Ermordung von Gefangenen verwendet.

48
00:05:05.588 --> 00:05:12.779
Der vierte und letzte Abschnitt ab
Seite zehn dokumentiert den Versuch,

49
00:05:12.779 --> 00:05:17.500
klare Vorgaben zu machen,
welche Menschen deportiert werden sollen.

50
00:05:17.500 --> 00:05:22.522
Dabei werden verschiedene
Verwandtschaftsbeziehungen erläutert,

51
00:05:22.522 --> 00:05:26.142
die zu sogenannten „Mischlingen“
ersten oder zweiten Grades führen,

52
00:05:26.142 --> 00:05:29.779
und sogenannte
„Mischehen“ thematisiert.

53
00:05:29.779 --> 00:05:36.486
Vom Protokoll der Besprechung
am Wannsee gab es dreißig Ausfertigungen

54
00:05:36.486 --> 00:05:38.738
oder Kopien, doch nur ein einziges
ist erhalten geblieben.

55
00:05:39.172 --> 00:05:44.377
Kurz vor Kriegsende beschlagnahmten
amerikanische Soldaten

56
00:05:44.377 --> 00:05:48.514
ausgelagerte Akten
des Auswärtigen Amtes.

57
00:05:51.834 --> 00:05:58.424
Viele Dokumente, die die Verbrechen
der Nationalsozialisten beweisen,

58
00:05:58.424 --> 00:06:01.778
waren zu diesem Zeitpunkt bereits vernichtet.

59
00:06:01.778 --> 00:06:07.367
Doch auch nach dem Fund dauerte
es noch viele Jahre, bis die zentrale

60
00:06:07.367 --> 00:06:12.338
Bedeutung des Dokuments erkannt wurde.

61
00:06:12.338 --> 00:06:17.043
Weitere Informationen zu den
teilnehmenden Tätern und

62
00:06:17.043 --> 00:06:18.778
das Protokoll selbst finden sich

63
00:06:18.778 --> 00:06:24.267
auf der Webseite unter „Wannsee-Konferenz“.
