Eva Reichmann

Eva Reichmann (1897–1998), eine bekannte deutsche Historikerin und Soziologin, flieht 1939 aus Deutschland und wird Leiterin der Forschungsabteilung der Wiener Library. Sie arbeitet über das deutsche Judentum und den Antisemitismus und sammelt in den 1950er-Jahren mehr als tausend Berichte von Holocaustüberlebenden.

© Wiener Library Collections
Eva Reichmann, Ort unbekannt, 1950er-Jahre.

Geboren in Oberschlesien, wächst Reichmann in einem liberalen jüdischen Zuhause auf. Sie studiert Ökonomie in Breslau, Berlin, München und Heidelberg, wo sie 1921 ihren Doktortitel erwirbt. 1932 heiratet sie den Juristen Hans Reichmann. Sie ist von 1924 bis 1939 für den Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens tätig. Zudem arbeitet sie in Berlin mit Leo Baeck für die Jewish Agency und die Reichsvertretung der Deutschen Juden.

Nach der Freilassung ihres Mannes aus Sachsenhausen, wo er im Kontext der Novemberpogrome 1938 interniert wird, emigriert das Paar 1939 nach London. Reichmanns Forschungen zum nationalsozialistischen Antisemitismus werden 1950 als Hostages of Civilisation (Geiseln der Zivilisation) veröffentlicht.

© Wiener Library Collections
Reichmann bei der Arbeit für die Wiener Library, London, 1950er-Jahre.

Von 1942 bis 1943 arbeitet Reichmann für den deutschen Dienst der BBC. Danach wird sie Direktorin der Forschungsabteilung der Wiener Library. Dort leitet sie ein ehrgeiziges Projekt zur Sammlung von Berichten von Holocaustüberlebenden. Über den Zeitraum von sieben Jahren und mit der finanziellen Unterstützung der Jewish Claims Conference tragen sie und ihr Team mehr als 1300 Zeugnisse von Geflüchteten und Überlebenden in sieben Sprachen zusammen.
Reichmann ist Mitglied der Londoner jüdischen Gemeinde von Belsize Square, wo sie mehrfach für ihre Lebensleistung geehrt wird. Sie verstirbt 1998 in London.

“Wir alle haben eine Pflicht gegenüber unserer Vergangenheit zu erfüllen.”

Eva Reichmann
© Wiener Library Collections
Eine Ausgabe des Journals des britischen Verbands jüdischer Flüchtlinge, 1954. Auf dem Titelblatt befindet sich ein Aufruf Reichmanns an alle Zeitzeuginnen und -zeugen, ihre Verfolgungserfahrungen der Wiener Library zur Dokumentation zur Verfügung zu stellen.