Vergessene Forscherinnen

Ein Blick auf die ersten Publikationen zum Holocaust erweckt den Eindruck, dass hauptsächlich Männer dokumentiert und geforscht hätten. Auch die Strukturen und Netzwerke sind vorwiegend mit den Namen männlicher Gründungsmitglieder verknüpft: die Wiener Library in London, das nach Emanuel Ringelblum benannte Jüdische Historische Institut in Warschau oder das Wiesenthal-Institut für Holocaust Studien.

Mitarbeiterin der Wiener Library, London, 1950er Jahre.
© Wiener Library Collections
Mitarbeiterin der Wiener Library, London, 1950er Jahre.
Mitarbeiterin der Wiener Library, London, 1950er Jahre.
© Wiener Library Collections
Mitarbeiterin der Wiener Library, London, 1950er Jahre.
Mitarbeiterin der Wiener Library, London, 1950er Jahre.
© Wiener Library Collections
Mitarbeiterin der Wiener Library, London, 1950er Jahre.

Jedoch gab es in allen Kommissionen und Institutionen auch Forscherinnen, die Dokumente sammelten, Berichte von Überlebenden aufzeichneten oder Texte publizierten. Angetrieben von denselben Überzeugungen und Motivationen, arbeiteten sie Seite an Seite mit ihren Kollegen. Viele ihrer Publikationen erschienen auf Jiddisch oder Polnisch und wurden daher im Westen lange Zeit nicht wahrgenommen. Selbst in den sozialistischen Staaten Osteuropas, die die formale Gleichberechtigung festgeschrieben hatten, rückten Frauen nur selten in Führungspositionen auf. Deshalb stehen bis heute die Direktoren und Leiter der Einrichtungen im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung.

Auch die Ausstellung spiegelt diese Situation wider. Die Gründe hierfür liegen in der historischen Überlieferung: Es sind mehr biografische Materialien, mehr Fotos und mehr Publikationen von Männern in zentralen Positionen überliefert. Das heißt jedoch nicht, dass Frauen einen geringeren Beitrag für die Erforschung, Erinnerung und juristische Aufarbeitung des Holocaust geleistet hätten. Sogar zahlenmäßig bleiben die Pionierinnen nicht hinter ihren männlichen Kollegen zurück. Auch ihr Beitrag bildet heute das Fundament der Holocaustforschung.

Mitarbeiterinnen der Wiener Library, London, 1950er Jahre.
© Wiener Library Collections
Mitarbeiterinnen der Wiener Library, London, 1950er Jahre.
Mitarbeiterin der Wiener Library, London, 1950er Jahre.
© Wiener Library Collections
Mitarbeiterin der Wiener Library, London, 1950er Jahre.
Mitarbeiterinnen der Wiener Library, London, 1950er Jahre.
© Wiener Library Collections
Mitarbeiterinnen der Wiener Library, London, 1950er Jahre.

Ada Eber (Lebensdaten unbekannt) promoviert vor dem Krieg an der Universität Lwów in Geschichte und überlebt im Versteck. Später schließt sie sich der Jüdischen Historischen Kommission in Polen an. Dort ist sie eine der wenigen studierten Historikerinnen. Ihren späteren Mann Philip Friedman lernt sie bei ihrer Tätigkeit kennen. Beide emigrieren über Deutschland und Frankreich in die USA. Eber unterstützt die wissenschaftliche Tätigkeit ihres Mannes, dessen umfangreiche Publikationstätigkeit ohne sie nicht denkbar gewesen wäre. Dennoch wird Eber nicht als eigenständige Forscherin rezipiert.

 

Nella Rost (1902–?) arbeitet als Journalistin und überlebt während des Krieges Zwangsarbeit, das Krakauer Ghetto, das Konzentrationslager Plaszow sowie eine Haftstrafe im berüchtigten Krakauer Gefängnis Montelupich. Bevor sie 1946 nach Schweden emigriert, leitet sie die Krakauer Abteilung der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission in Polen. Im Exil führt sie für den World Jewish Congress eine weitere historische Kommission. Rost wandert 1951 nach Uruguay aus.

Genia Silkes (1914–1984) arbeitet vor dem Krieg als Lehrerin in Warschau. Sie richtet mehrere Untergrundschulen im Ghetto ein und beteiligt sich an der Arbeit der Oyneg Shabes-Gruppe. Während des Ghetto-Aufstandes gelingt ihr die Flucht. Neben der Arbeit in der Jüdischen Historischen Kommission engagiert sie sich nach dem Krieg dafür, jüdische Schulen in Polen wiederaufzubauen. Ab 1949 setzt sie ihre Forschungstätigkeit am Jüdischen Wissenschaftlichen Institut in Paris und ab 1956 in den USA fort.