„Dr. Lange kam jeden Samstag zur Besichtung.
Er schoss die Leute einfach wahllos nieder.“

Im Frühjahr 1949 wurde vor dem Landgericht Würzburg ein Verfahren gegen ehemalige Mitarbeiter der dortigen Geheimen Staatspolizei durchgeführt. Im Zentrum stand die Deportation der Juden, die sich mit Hilfe der von US-amerikanischen Ermittlern des Office of Chief of Council for War gefundenen Akten der Staatspolizei-Außendienststelle Würzburg gut rekonstruieren ließen. 

Dr. Rudolf Lange
Dr. Rudolf Lange (BA Berlin)

Auch wenn die Anklage nicht etwa auf „Mord“ oder „Beihilfe zum Mord“, sondern nur auf „Freiheitsberaubung“ lautete, war das Verfahren von großer Bedeutung. Denn es wurden öffentlich Beweise gesammelt und historische Fakten gerichtssicher festgestellt. Die Protokolle der Zeugenaussagen, die im Staatsarchiv Würzburg verwahrt werden, sind heute ganz besonders bewegend, weil sie so kurz nach dem Massenmord aufgenommen wurden und einer breiten Fragestellung folgten. Dem Gericht ging es eben nicht nur darum, die Beteiligung der Angeklagten an den Deportationen nachzuweisen, sondern auch, überhaupt festzustellen, was den Juden nach der Deportation widerfahren war.

Als 43. Zeuge wurde am 8. April 1949 Siegfried Adler vernommen. Adler war als 18-jähriger am 27. November 1941 aus Würzburg mit seinen Eltern nach Riga deportiert worden. Seine Eltern waren ermordet worden, er selbst wurde bis November 1942 im „erweiterten Polizeigefängnis Salaspils“ bei Riga gefangen gehalten und später in das KZ Stutthof verschleppt. Das Lager Salaspils unterstand direkt dem Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD. Dr. Rudolf Lange nahm als Fachmann des Massenmordes am 20. Januar 1942 auch an der Dienstbesprechung teil; und übernachtete wohl auch im Gästehaus des SD am Großen Wannsee. Sieben Jahre nach der Konferenz, auf der Zeugenbank in Würzburg konnte sich Adler noch sehr genau an die bodenlose Brutalität Langes erinnern:

„In einem Falle z.B. waren 2 jüngere Leute in ein anderes Lager gegangen, um ihre Angehörigen zu besuchen. Dies wurde ihnen als Flucht ausgelegt. Es kam darauf Dr. Lange vom SD; wir wurden alle zusammengerufen. Dem Barackenältesten wurde von ihm mitgeteilt, wenn die Flüchtlinge bis zum nächsten Tage nicht zurück seien, müssten 20 Mann von uns ausgesucht werden als Geiseln, die dann erschossen werden. Horst Wertheim, der Blockälteste, hat das verweigert. Dr. Lange erklärte hierauf, er, Wertheim, habe ja bis zum nächsten Tag Zeit, sich das zu überlegen. Am folgenden Tag wurden wir zusammengerufen, mussten bei furchtbarer Kälte einige Stunden auf einer Stelle stehen und dann zusehen, wie die beiden jungen Menschen, die man in einem Auto brachte, mit mehreren Maschinengewehren standrechtlich erschossen wurden. Es wurde durch Vorlesen bekannt gegeben, dass sie wegen Flucht erschossen würden. Dr. Lange kam jeden Samstag zur Besichtung. Er schoss die Leute einfach wahllos nieder. Das habe ich selbst gesehen. Ich war damals in einem Sägewerk zur Arbeit eingeteilt. Nebenan befand sich eine gewöhnliche Feldschmiede. Da im Lager auch mehrere lettische Zivilarbeiter beschäftigt waren, arbeitet ein solcher auch in der Feldschmiede. Dieser Lette brachte einem Juden aus Nürnberg mit dem Vornamen Abraham ein Butterbrot oder ein Brot mit Speck mit. Eines Tages sah Dr. Lange bei der Besichtigung, dass Abraham gerade das Stück mitgebrachten Specks zergehen ließ, um länger damit auszukommen. Er fragte Abraham, was er da mache. Dieser antwortete, wahrheitsgemäß, dass er den Speck zergehen lasse. Dr. Lange nahm ihn einfach mit hinaus und schoss ihn vor der Schmiede zusammen.“ [1]

Auf Betreiben von Philipp Auerbach, seinerzeit Generalanwalt beim Bayerischen Landesamt für Wiedergutmachung, wurde auch das „Wannsee-Protokoll der Staatsekretäre über Beschlussfassung der Judenangelegenheiten“ von Robert Kempner angefordert, am 23. April 1949 komplett vorgelesen – und in einer Abschrift zu den Akten genommen. [2] Die angeklagten Gestapo-Mitarbeiter betonten freilich, wie Friedrich Kraus, „von dem Wannsee-Protokoll keine Kenntnis bekommen“ und „nur unsern Dienst ausgeführt“ zu haben. [3] Auch dass der „Dr. Lange“ der Aussage Siegfried Adlers mit dem im Protokoll genannten Teilnehmer identisch war, entging der Aufmerksamkeit des Gerichts. 

Dank einer großzügigen Schenkung von Isaac Wahler sind zeitgenössischen Fotokopien der Akten der Staatspolizei-Außendienststelle Würzburg, die die Grundlage der Ermittlungen gebildet hatten, heute in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz überliefert. [4]

Dr. Christoph Kreutzmüller, Mitarbeiter der Bildungsabteilung


[1] Protokoll der Verhandlung, 8.4.1949, Staatsarchiv Würzburg, 853, 21 (Verfahren gegen Georg Baumann u. a., wg. Freiheitsberaubung KsLsMs 63/48), Bd. 5.

[2] Protokoll der Verhandlung, 23.4.1949, ebd.

[3] Protokoll der Verhandlung, 23.4.1949, ebd.

[4] Norbert Kampe, Gespräch mit Herrn Isaac E. Wahler anlässlich 66. Jahrestages der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 am 17. Januar 2008 im Haus der Wannsee-Konferenz ; ders.; "...weglegen zum Akt!" ; die Würzburger Gestapoakten über die Deportation der Juden und die Geschichte der Familie Wahler, Newsletter der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, 2009.