Sinti und Roma im deutschen Militär

Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma/Privatbesitz Familie Marco Höllenreiner   Bildungsportal, Rassediagnose: „Zigeuner“ https://www.sintiundroma.org/de/   https://www.kulturrat.de/themen/heimat/heimat-identitaet/teilhabe-fuer-alle/
Der Münchner Sinti Eduard Höllenreiner erhielt als Soldat im Ersten Weltkrieg hohe Auszeichnungen, darunter das Eisernen Kreuz 1. und 2. Klasse.
Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma/Privatbesitz Familie Marco Höllenreiner Bildungsportal, Rassediagnose: „Zigeuner“

Seit dem 15. Jahrhundert sind Sinti*zze in Deutschland und den Nachbarländern beheimatet, Rom*nja seit dem Mittelalter im östlichen und südöstlichen Europa. Die mit Vorurteilen und Klischees beladene Fremdbeschreibung „Zigeuner“ wird von den meisten Sinti*zze und Rom*nja abgelehnt. 

In der Zeit des Deutschen Kaiserreiches und der Weimarer Republik besaßen Sinti*zze und Rom*nja ganz verschiedene Lebensentwürfe und agierten unter unterschiedlichen sozialen Verhältnissen. Sie hatten einen Platz in der deutschen Gesellschaft. So dienten Sinti und Roma auch im deutschen Militär, waren Teilnehmer des Ersten Weltkrieges und erhielten dafür Kriegsauszeichnungen. 

Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung von Sinti*zze und Rom*nja im Nationalsozialismus

Bildnachweis: Bundesarchiv, Bild R 165 Bild-244-64
Mitarbeiterin der „Rassenhygienischen Forschungsstelle“ bei ihren Untersuchungen. Als „Zigeuner“ verfolgte wurden in „Zigeuner“ und „Zigeunermischlinge“ eingeteilt.
Bildnachweis: Bundesarchiv, Bild R 165 Bild-244-64

Die rassische Verfolgung von "Zigeunern" im NS knüpfte an Konzepte und Maßnahmen zur Ausgrenzung von Sinti*zze und Rom*nja an, denen sie in Deutschland bereits seit langem ausgesetzt waren.  

Sinti*zze und Rom*nja waren zahlreichen Zwangsmaßnahmen ausgesetzt. Die 1935 erlassenen Nürnberger Gesetze degradierte sie wie auch jüdische Bürger*innen. Anders als Angehörige „deutschen und artverwandten Blutes“ sollten sie keine politischen Rechte mehr besitzen. Als "Asoziale", die außerhalb der Gesellschaft standen, wurden sie verfolgt.  

Die Kontrolle von Jüdinnen und Juden erfolgte durch neue Einrichtungen wie den „Judenreferaten“. Für Sinti*zze und Rom*nja war die Polizei zuständig. 1938 wurde in Berlin die "Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens" gegründet. So genannte "Zigeunerlager" wurden eingerichtet, in denen die Nationalsozialisten systematisch alle in Deutschland lebenden Sinti*zze und Rom*nja erfassen wollten. 

Im gesamten besetzen Europa wurden Sinti*zze und Rom*nja verfolgt, deportiert und ermordet. Etwa 500 000 Sinti*zze und Rom*nja wurden von den Nationalsozialisten und ihren Helfern getötet. Dieser Völkermord wird Porajmos (dt.: Das Verschlingen) auf Romanes, der Sprache der Roma, genannt. 

Ausschluss aus der Wehrmacht

Am 27. September 1937 wurde durch den Reichskriegsminister ein Erlass verabschiedet, der Sinti und Roma die Ableistung eines Wehrdienstes untersagte. Viele Sinti und Roma wurden dennoch zum Wehrdienst eingezogen. 

Im Februar 1941 ordnete das Oberkommando der Wehrmacht aus „rassepolitischen Gründen“ den Ausschluss aller „Zigeuner“ und „Zigeunermischlinge“ an. Nach ihrer rassenbiologischen Erfassung wurden Soldaten aus den Reihen der Sinti und Roma trotz der Fürsprache von Vorgesetzten aus der Wehrmacht entlassen und größtenteils nach Auschwitz-Birkenau deportiert. 

Transkript

Heeresmitteilung: Entlassungen von Zigeunern und Zigeunermischlingen, in: Oberkommando des Heeres (Hg.): Allgemeine Heeresmitteilungen 8 (1941), S. 82f.
Heeresmitteilung: Entlassungen von Zigeunern und Zigeunermischlingen, in: Oberkommando des Heeres (Hg.): Allgemeine Heeresmitteilungen 8 (1941), S. 82f.

153. Entlassungen von Zigeunern und Zigeunermischlingen aus dem aktiven Wehrdienst.

Für die Heranziehung von Zigeunern und Zigeunermischlingen zum aktiven Wehrdienst gelten die mit Erlaß R.K.M. [Reichskriegsmarine] 12 i 10.36 AHA/E (1 a) [Allgemeines Heeresamt, Höchster Generalstabsoffizier] Nr. 1510/37 geh. vom 26.11.1937 bekanntgegebenen Richtlinien. 

Danach sind vollblütige Zigeuner und Personen mit auffälligem Einschlag von Zigeunerblut (Zigeunermischlingen) als zur Ableistung des aktiven Wehrdienstes nicht geeignet der Ers. Res. II [Ersatzreserve – als Wehrpflichtiger gemustert und nicht ausgebildet]  zu überweisen. 

Diese Bestimmung ist nicht überall genügend beachtet worden, so daß, wie verschiedene Entlassungsgesuche zeigen, immer noch Personen der vorbezeichneten Art sich im Heer befinden und zum Teil auch ausgezeichnet oder für Auszeichnungen vorgeschlagen sind. 

 

Heeresmitteilung: Entlassungen von Zigeunern und Zigeunermischlingen, in: Oberkommando des Heeres (Hg.): Allgemeine Heeresmitteilungen 8 (1941), S. 82f.
Heeresmitteilung: Entlassungen von Zigeunern und Zigeunermischlingen, in: Oberkommando des Heeres (Hg.): Allgemeine Heeresmitteilungen 8 (1941), S. 82f.

Aus rassepolitischen Gründen wird bestimmt: 

  1. Neueinstellungen von Zigeunern oder Zigeunermischlingen (auch Freiwilligen) in den aktiven Wehrdienst sind unzulässig. 
  2. Etwa noch im aktiven Wehrdienst stehende Zigeuner oder Zigeunermischlinge sind unverzüglich nach W.G. §24 (2) b wegen mangelnder Eignung aus dem aktiven Wehrdienst zu entlassen und der Ers. Res. II („n. z. v.“) bzw. Landw. II („n. z. v.“) [Ersatz-Reserve II bzw. Landreserve II – nicht zur Verwendung] zuzuteilen. 
  3. Verleihungen von Auszeichnungen an Zigeuner und Zigeunermischlingen haben zu unterbleiben. 

Um die Durchführung der Maßnahmen zu 1 und 2. zu erleichtern, hat der Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei das Reichskriminalpolizeiamt beauftragt, für die hier in Frage kommenden Personen besondere Erfassungslisten, getrennt nach vollblütigen Zigeunern und Zigeunermischlingen, mit Angabe des Geburtsdatums sowie der Anschrift aufzustellen und den zuständigen Wehrersatzdienststellen zu übersenden. 

Die Wehrersatzdienststellen haben die in dieser Liste enthaltenen Personen, soweit sie irrtümlich in das Heer eingestellt sind, den beteiligten W.Kdos. [Wehrkommandos] namhaft zu machen. 

O.K.W., [Oberkommando der Wehrmacht] 11.2.41 

12 e/f AHA/Ag/E (I a). [Allgemeines Heeresamt, Höchster Generalstabsoffizier] 

11 636/40 

Ausschluss aus der Wehrmacht: Walter Stanowski Winter

https://www.gdw-berlin.de/vertiefung/biografien/personenverzeichnis/biografie/view-bio/stanoski-winter/?no_cache=1
Fotografie Walter Winter in der Uniform der Kriegsmarine kurz vor seinem Ausschluss. Bildnachweis: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma

Walter Stanoski Winter (1919-2012) wuchs mit acht Geschwistern in einer Schaustellerfamilie auf. Er besuchte die Volksschule in Oldenburg. Als Elfjähriger reiste er ganzjährig mit seinen Eltern. Seit 1938 musste er Arbeitsdienst leisten, bis er wie sein Bruder Erich im Januar 1940 zur Wehrmacht eingezogen wurde. Dort diente Walter Winter in Wilhelmshaven im Rang eines Bootsmanns bei der Marine. Als Sinto wurde er aus "rassischen Gründen" nicht befördert und 1942 aus der Wehrmacht entlassen.

Walter Winter wurde im März 1943 gemeinsam mit seinem Bruder Erich und seiner Schwester Maria in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort lernte er Bluma Schubert kennen. Walter Winter nahm am Aufstand vom 16. Mai 1944 im "Zigeunerlager" von Auschwitz-Birkenau teil. Am 31. Juli 1944 wurde er gemeinsam mit seinen beiden Geschwistern und seiner Frau in das KZ Ravensbrück verschleppt. Kurz vor Kriegsende kamen er und sein Bruder in das KZ Sachsenhausen und von dort wegen ihrer militärischen Erfahrung erneut an die Front. Walter Winter wurde verwundet, überlebte aber gemeinsam mit seinem Bruder den Krieg. Seine Frau Bluma starb im KZ Ravensbrück. 

“Nachdem ich bereits 1938 beim Arbeitsdienst gewesen war, wurde ich am 1. Januar 1940 gemeinsam mit meinem Bruder Erich zum Militärdienst eingezogen. Ich wurde bei der Marine zum Spezialisten für eine bestimmte Kanonenart ausgebildet und habe entsprechende Lehrgänge absolviert; mein Dienstrang war Bootsmann. Ende 1941 wurden alle 14 Männer, die mit mir gemeinsam in einer Einheit waren, befördert, nur ich nicht. Da habe ich Verdacht geschöpft, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist, denn ich war bei meinen Vorgesetzten ja sehr beliebt. In dieser Zeit spielte ich auch in Wilhelmshaven, wo wir stationiert waren, in der Handball- und Fußballmannschaft der Marine. Ein Kamerad namens Sommer, mit dem ich zusammen Fußball spielte, saß in der Schreibstube. Als ich ihn fragte, warum ich nicht befördert worden sei, sagte er mir, dass der Antrag zwar auf dem Schreibtisch liege, die Beförderung jedoch nicht ausgesprochen werden dürfe, weil ich 'Nichtarier' sei. Er gestand mir sogar, dass er den Auftrag habe, mich zu überwachen. Ich konnte das alles nicht verstehen, ebenso wenig meine Vorgesetzten, nachdem ich sie zur Rede gestellt hatte.
Einige Wochen später war ich wieder zu Hause. In meinem Wehrpass war vermerkt, ich sei 'nicht zu verwenden'. In Oldenburg bin ich dann zum Wehrbezirkskommando gegangen und habe meinen Wehrpass abgegeben. Vier Wochen später kam auch mein Bruder nach Hause, der in Russland bei der Luftwaffe gewesen war. Bald darauf wurden wir beide nach Auschwitz deportiert.”

Bericht von Walter Stanowski Winter, Zitiert nach: Romani Rose (Hg.), "Den Rauch hatten wir täglich vor Augen" - Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma. Katalog zur ständigen Ausstellung im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg, Wunderhor

Am 16. Mai 1944 war er am Widerstand im „Zigeunerlager“ in Auschwitz beteiligt: 

“Das ganze ,Zigeuner‘-Lager sollte vergast werden. […] Jetzt kam es drauf an. Wir hatten uns abgesprochen, dass keiner rausgeht, wenn sie den Befehl geben. Wir waren zu allem entschlossen. Jeder, der konnte, hatte sich mit irgendwas bewaffnet, mit Spaten, Steinen, was man finden konnte. Hinter der Blocktür haben wir gewartet. Jetzt hörten wir den Befehl, aus den Blocks zu treten: ,Raustreten! Marsch! Marsch!‘ Und noch mal: ,Sofort raustreten!‘ Wir im Block 18 haben uns nicht gerührt. […] Kein Häftling war draußen zu sehen, auch niemand aus den anderen Blocks hatte den Befehl befolgt. Ich glaube, die waren vollkommen fassungslos, dass alle, wirklich alle Häftlinge im ,Zigeunerlager‘ den Befehl verweigerten.”

Bericht von Walter Stanowski Winter, Zitiert nach: Romani Rose (Hg.), "Den Rauch hatten wir täglich vor Augen" - Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma. Katalog zur ständigen Ausstellung im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg, Wunderhor

Sinti und Roma Soldaten werden nach Auschwitz deportiert

Hermann Langbein, 1912 in Wien geboren, trat 1933 der Kommunistischen Partei Österreichs bei, floh nach dem „Anschluss“ seines Heimatlandes an Nazi-Deutschland (März 1938) nach Spanien und schloss sich dort den Internationalen Brigaden an.

Anfang 1939 flüchtete Langbein nach Frankreich. Im April 1941 wurde er der deutschen Polizei übergeben ins KZ Dachau verbracht. Die SS überstellte Langbein im August 1942 nach Auschwitz. Dort wurde er Schreiber beim Chef der SS-Ärzte, Dr. Eduard Wirths. Langbein gründete zusammen mit polnischen und österreichischen Häftlingen die „Kampfgruppe Auschwitz“, eine Lagerwiderstandsorganisation. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Langbein vor allem als Schriftsteller und Publizist tätig und engagierte sich in der Bildungsarbeit. 1995 starb er in Wien. 

In dem Video schildert Hermann Langbein die Deportation von Sinti und Roma, die zuvor in der Wehrmacht gedient hatten, nach Auschwitz.

Das “Zigeunerlager” in Auschwitz

Nachweis: Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau und https://www.sintiundroma.org/de/set/022401/?id=2595&z=1
Blick auf die Holzbaracken im Lagerabschnitt BII a in Birkenau. Im Hintergrund Lagerabschnitt BII. Das Bild ist eine der wenigen erhaltenen zeitgenössischen Aufnahmen von B II und vermittelt einen Eindruck von der Größe des Lagergeländes. Bauart und Aufstellung der Baracken unterschieden sich innerhalb des Abschnittes B II kaum.
Nachweis: Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau

Am 16. Dezember 1942 ordnete Himmler die familienweise Deportation von Sinti*zze und Rom*nja an. Ab Februar 1943 wurden ca. 23. 000 Sinti*zze und Rom*nja in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Die meisten stammten aus dem Reichsgebiet. 

Die SS richtete ein Lager für Sinti*zze und Rom*nja ein. Männer, Frauen und Kinder wurden in überfüllten Baracken unter schlimmsten Bedingungen untergebracht. Im Lager verstarben Tausende Menschen an Hunger und Krankheit.

Als die SS am 16. Mai 1944 die noch lebenden Sinti*zze und Rom*nja in den Gaskammern ermorden wollte, bewaffneten sich die Häftlinge mit Steinen und Werkzeugen. Sie verbarrikadierten sich in den Baracken und konnten so die drohende Vernichtung zunächst abwenden. Anfang August 1944 wurde das Lager aufgelöst. 3. 000 Sinti*zze und Rom*nja wurden in den Gaskammern ermordet. 

Ausschluss aus der Wehrmacht: Oskar Winter

“1939 kam ich zum Reichsarbeitsdienst und von dort 1940 zur Deutschen Wehrmacht zum Infanterieregiment 190 unter General Paulus bei der 6. Armee. Ich erhielt bis 1942 als Tapferkeitsauszeichnung das 'Sturmabzeichen in Silber', das 'Eiserne Kreuz', die 'Ehrenmedaille' für die Winterschlacht und das 'Verwundetenabzeichen'. Ich erhielt einen Streif- und Lungenschuss und bekam deshalb 1942 Genesungsurlaub.

Als ich im Urlaub nach Breslau nach Hause kam, sagten mir Nachbarn, meine Mutter und Schwestern seien von der Gestapo weggebracht worden. Auch mein zwölfjähriger Bruder und die gleichaltrige Tochter meiner älteren Schwester waren nicht mehr da. Zurück beim Stabsarzt erzählte ich, was passierte.

Standortkommandant, Oberarzt und Offiziere schrieben ein Gesuch an Reichsmarschall Göring. Mein Kompaniechef schrieb deshalb an Heinrich Himmler, er könne nicht glauben, dass ich 'Zigeuner' sei, und er erwirkte für mich im Reichssicherheitshauptamt in Berlin einen Termin. Dort wurde ich von Kaltenbrunner empfangen. Ich trug ihm vor, dass ein Bruder bereits im Fronteinsatz in Russland gefallen war und dass meine beiden anderen Brüder, der eine seit 1937 bei der Flak und der andere als Panzerfahrer, auch bei der Wehrmacht seien; ich wüsste auch nicht, wohin meine Mutter und Geschwister gebracht worden seien. In meinem jugendlichen Leichtsinn glaubte ich an Ehre, und dass in Berlin meine Tapferkeit im Krieg Anerkennung finden würde.

Ich fange an zu weinen, wenn ich daran denke. Denn in Wirklichkeit, so mache ich mir heute jedenfalls die Vorwürfe, hatte ich meine beiden Brüder bei der Wehrmacht verraten und für meine Mutter und Geschwister nichts mehr bewirken können. Meine älteste Schwester wurde in Auschwitz ermordet. Meine Mutter, die mit meiner zweitältesten Schwester über Ravensbrück nach Auschwitz kam, überlebte das Konzentrationslager ebenfalls nicht. Mein kleiner Bruder und die Tochter der zweitältesten Schwester wurden 1943 in Passau im Alter von 13 und 12 Jahren von Ärzten zwangssterilisiert. Mein einer Bruder kam direkt von der Fliegerabwehr am Münchener Hauptbahnhof Anfang 1943 weg nach Auschwitz und wurde von dort im August 1944 nach der Auflösung des 'Zigeunerlagers' in Birkenau vor Berlin gegen russische Truppen in einem Himmelfahrtskommando eingesetzt, das er nicht überlebte.

Der andere Bruder wurde direkt im Anschluss an meinen Termin bei Kaltenbrunner als Panzerfahrer aus der Wehrmacht entlassen. Als ich vom Reichssicherheitshauptamt aus, wo mir Kaltenbrunner noch sagte, das wäre alles ein Irrtum seines Amtes und es würde für die ganze Familie geregelt, wieder im Lazarett ankam, sagte mir der Oberarzt, zwei Gestapobeamten, die mich gerade abholen wollten, habe er gesagt, ich sei noch zu krank. Mit dem Wehrentlassungsschein flüchtete ich sofort und versteckte mich in Polen und der Tschechei. Mein Bruder, der danach heimkam und davon erfuhr, flüchtete Ende 1942 ebenfalls in den Untergrund und überlebte.

Ich konnte mich bei einer Frau in Polen, die ich nach 1945 heiratete, verstecken. Da auf meinem Wehrentlassungsschein die 'Rassenzugehörigkeit' neben dem Gesetzesparagrafen, mit dem wir Sinti und Juden ab 1942 ausgeschlossen wurden, nicht ausdrücklich, dafür aber die Verwundung erwähnt war, konnte ich bei Polizei und SS immer als 'Zigeuner' unerkannt entkommen. So war es mir sogar möglich, einige Zeit bei den Skoda-Werken zu arbeiten, bis wir am 8. Mai 1945 von den Russen befreit wurden.”

Bericht von Oswald Winter, Zitiert nach: Romani Rose (Hg.), "Den Rauch hatten wir täglich vor Augen" - Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma. Katalog zur ständigen Ausstellung im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Heidelberg, Wunderhor
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Das Projekt #lastseen  

Mehr als 200.000 Menschen sind zwischen 1938 und 1945 aus dem Deutschen Reich deportiert worden. Das Projekt #LastSeen. Bilder der NS-Deportationen erfasst und erschließt Bilder der Deportationen aus dem Deutschen Reich systematisch. Darunter befinden sich Fotos der Deportationen von Asperg nach Jędrze­jów im Mai 1940. Als Sinti:zze und Rom:nja verfolgte Menschen aus Main, Worms und Ingelheim verhaftet und mit einem Sonderzug nach Hohenasperg gebracht. Dort untersuchten Mitarbeiter:innen der sogenannten Rassenhygienischen Forschungsstelle die Menschen – und entschieden maßgeblich über ihre Deportation.  

Die Fotos sind hier im Detail einsehbar: #lastseen Bildatlas